Enzkreis erhält Förderung für innovatives Modellvorhaben in der Kinder- und Jugendhilfe
Das Jugendamt hat den Zuschlag für ein Modellvorhaben beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) erhalten. Unter dem Titel „Vom Reagieren zum Agieren – Unterstützung bei herausfordernden Situationen" wird der Enzkreis ab Oktober über 18 Monate ein praxisnahes Qualifizierungs- und Unterstützungsmodell für pädagogische Fach- und Nicht-Fachkräfte entwickeln und erproben.
„Wir reagieren damit auf Herausforderungen, die viele Einrichtungen im Kreisgebiet seit Jahren beschäftigen“, betont Sozialdezernentin Katja Kreeb. Kindertageseinrichtungen, Schulen, Wohngruppen und Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendhilfe würden einen deutlichen Anstieg von Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungs- und Verhaltensbesonderheiten verzeichnen und pädagogische Fachkräfte ebenso wie Schulbegleitungen und Integrationskräfte immer öfter von Überforderung berichten. „Es fehlen alltagstaugliche Handlungsstrategien für akute Krisensituationen“, sagt auch Jugendamtsleiter Christopher-Tom Reimann.
Theoretisches Wissen aus Ausbildung und Studium sei in solchen Momenten oft nicht direkt anwendbar; gefragt seien praktische „Wie genau-Antworten“, die unmittelbar helfen. Genau hier setzt das neue Modellvorhaben an: Statt reiner Wissensvermittlung werden die Teilnehmenden dabei unterstützt, Handlungspläne, Materialien und Strukturen für ihren eigenen Arbeitsalltag zu entwickeln – etwa Emotionskarten, visuelle Strukturpläne, individuelle Notfallpläne oder reizreduzierte Rückzugsorte.
Katja Kreeb sieht in dem Zuschlag ein wichtiges Signal für die gesamte Region; „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen keine weiteren Theorien, sondern Werkzeuge für den Alltag.“ Dass der KVJS das Vorhaben als förderungswürdig eingestuft hat, bestätige den eingeschlagenen Weg: „Das zeigt, dass wir mit unserem Ansatz auf dem richtigen Weg sind.“ Denn gleichzeitig werde die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe, Schulen und Eingliederungshilfe gestärkt. „Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag zu echter Inklusion im Enzkreis – und davon werden letztlich die Kinder und Jugendlichen profitieren, um die es uns geht", betont die Sozialdezernentin.
Die Fortbildungsreihe für bis zu 60 Personen umfasst fünf Module unter anderem zu Deeskalation und Krisenintervention, Prävention oder Beziehungsgestaltung. Ergänzend werden Vertiefungstage zu spezifischen Themen wie Autismus, Trauma oder selbstverletzendem Verhalten angeboten. Besonders innovativ ist dabei der systemische Ansatz: Das erworbene Wissen soll nicht bei einzelnen Personen verbleiben, sondern dauerhaft in Teamstrukturen, Einrichtungskonzepten und gemeinsamen Haltungen verankert werden.
Getragen wird das Vorhaben, das von der Hochschule Heilbronn wissenschaftlich begleitet wird, von einem breiten regionalen Netzwerk, das im Projektverlauf gezielt ausgeweitet werden soll: Als Praxispartner sollen weitere Träger aus der Region gewonnen werden, darunter Schulträger, stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe und Träger der Eingliederungshilfe. „Sie werden nicht nur Teilnehmende für die Fortbildungsreihe stellen, sondern auch konkrete Praxis-Settings für die Erprobung der entwickelten Konzepte“, umreißt Reimann die Überlegungen. Interessierte Träger seinen herzlich eingeladen, Kontakt aufzunehmen und Teil dieses wachsenden regionalen Netzwerks zu werden.
Das Vorhaben ist von Anfang an als Modellprojekt mit Strahlkraft über den Enzkreis hinaus konzipiert. Alle entwickelten Materialien, Handlungsleitfäden und Curricula werden am Ende der Projektlaufzeit frei verfügbar sein und können von anderen Landkreisen und Trägern übernommen werden. Ein Train-the-Trainer-Konzept sorgt dafür, dass die Fortbildungsreihe auch nach Projektende dauerhaft weitergeführt werden kann: als nachhaltiger Beitrag zur Qualitätsentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe der gesamten Region. (enz)