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17.02.2017

Blick über den Tellerrand: EU-Projekt zur Integration von Flüchtlingen - Auftakt im Enzkreis - Besuche in Mühlacker und Remchingen

EU-Projekt INTED
Spracherwerb und Arbeitserfahrung - bei der GSI in Mühlacker versucht man, beides zu verbinden, wie die internationalen Gäste erfuhren.

„Aktiv, interessant, Spaß“ – mit diesen Wörtern beschrieben die Teilnehmer ihre Eindrücke nach einem einwöchigen internationalen Workshop zur Integration von Flüchtlingen. Im Rahmen des auf zwei Jahre angelegten EU-Projekts „INTED“ waren Fachleute aus Schweden, Italien, Kroatien und Österreich zu Gast im Enzkreis. Von deutscher Seite nahmen Sozialarbeiter, Ehrenamtliche und Flüchtlingskoordinatoren an dem Seminar teil. INTED steht für „Integration through Education“, also etwa „Integration durch Bildung“.

„Es ist gerade in diesem Bereich wichtig, über den Tellerrand zu schauen und zu erfahren, wie anderswo gearbeitet wird“, meint Vivien Gooth vom Verein miteinanderleben, zuständig für einen Teil der Sozialbetreuung von Flüchtlingen im Enzkreis. Dem schließt sich Elisabetta Zen aus San Polo in der italienischen Provinz Reggio Emilia an: „Ich habe viel dazugelernt – und dabei tolle Menschen kennengelernt“, meint die Sozialarbeiterin. Möglichkeiten dazu gab es reichlich – sowohl innerhalb des Programms als auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder während der Abende.

EU-Projekt INTED
Für viel Heiterkeit sorgten die gegenseitigen Stereotypen über die an INTED beteiligten Länder.

Die Organisatoren stellten für den Auftakt des Projekts – drei weitere Trainingseinheiten werden bis Mitte 2018 folgen – die eigenen Erfahrungen und die kulturellen Unterschiede in den Mittelpunkt. „Nur wenn wir wissen, wer wir selbst sind, wie wir ticken und was unsere Kultur ausmacht, können wir sie anderen nahebringen“, ist Regina Ehrismann überzeugt. Ehrismann, eine der Flüchtlingsbeauftragten des Enzkreises, leitete dafür ein „interkulturelles Training“, bei dem die Teilnehmer auch lernen sollten, wie wichtig eine vorurteilsfreie Herangehensweise ist.

„Wir neigen dazu, sofort zu interpretieren und unser Wertesystem anzulegen, wenn wir etwas nicht verstehen“, lautete das Fazit der Gruppe. Richtiger wäre es nachzufragen – nur so ließen sich Missverständnisse vermeiden. Durch eine eindrückliche Übung erlebten die Teilnehmer hautnah, wie schnell man in seiner Einschätzung danebenliegt – und welche Folgen sich daraus ergeben können.

EU-Projekt INTED
Spezielle Sportangebote organisieren wollen Markus Weiß aus Kämpfelbach und Åsa Hedberg, Integrationsbeauftragte der Region Östergötland.

Auch in einem weiteren Bereich der Arbeit mit Flüchtlingen ist das Wissen um den kulturellen Hintergrund notwendig: „Nicht wenige Menschen, die nach Europa kommen, sind traumatisiert – sei es durch Ereignisse in ihrem Herkunftsland oder durch die Umstände ihrer Flucht“, berichtete Thomas Gustorff. Der Psychologe leitet die Beratungsstelle des Enzkreises in Pforzheim, die ein Angebot an Erwachsene und – unter dem Titel „Kinder der Welt integrieren“ (KIWI) – an Kinder und Jugendliche vorhält. In einem Vortrag erklärte er die Entstehung von traumatischen Störungen, stellte typische Symptome vor und beschrieb mögliche Therapien.

Abgerundet wurde die Woche durch Studien-Besuche vor Ort. In der größten Unterkunft des Enzkreises in Darmsbach stellten die Sozialarbeiterinnen und die Unterkunftsleiter die Einrichtung und ihre Arbeit vor. Viele Fragen musste Dieter Walch vom Remchinger Arbeitskreis Asyl beantworten: Schließlich kennt man ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit in den anderen Ländern kaum – zumal nicht in dem Ausmaß wie in Deutschland. „Mit Händen und Füßen – und ganz viel Herz“, lautete seine Antwort, wie man mit Menschen kommunizieren könne, die weder Deutsch noch Englisch sprechen.

EU-Projekt INTED
Bildung, Arbeit, Zivilgesellschaft - drei der wichtigen Stichworte für Anja Lindahl, Beratungsstellenleiter Thomas Gustorff und Andrea Thielbeer (Mitte), die im Landratsamt die Bildungsangebote für Flüchtlinge koordiniert.

In Mühlacker standen die Integrationsprojekte der GSI und die Angebote der Ferdinand-von-Steinbeis-Schule auf dem Programm. Beide versuchen, Sprachunterricht mit praktischen Tätigkeiten zu verbinden und so den vor allem jungen Menschen einen ersten Kontakt mit dem Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Solche „study visits“ wünschen sich die Teilnehmer verstärkt auch für die kommenden Treffen im Rahmen von INTED: Im Herbst steht in Zagreb das Thema Trauma auf dem Programm – schließlich ist der dortige Partner das kroatische Zentrum für Trauma-Rehabilitation, dessen Erfahrung bis in die Zeit des Bürgerkriegs zwischen den Bevölkerungsgruppen im ehemaligen Jugoslawiens zurückreicht.

Im Mai im schwedischen Linköping wird es um Maßnahmen für und mit Familien und um die besondere Funktion von Brückenbauern gehen: Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, inzwischen aber fest verwurzelte Mitglieder der schwedischen Gesellschaft sind. Durch die kulturelle Verbundenheit und die Muttersprache haben sie ganz andere Zugänge in die jeweiligen Flüchtlingsgruppen als schwedische „Ureinwohner“.

Dass es zahlreiche solcher Brückenbauer gibt, zeigte schon ein Blick auf die Delegation aus Linköping: Von den sieben Mitgliedern sind drei nicht in Schweden geboren, und eine vierte hat einen großen Teil ihres Lebens außerhalb ihres Heimatlandes verbracht: Drei ihrer vier Kinder hat sie im hessischen Bad Nauheim zur Welt gebracht.

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